TP 1: Poetik des Staunens in Mittelalter und Früher Neuzeit

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Das Teilprojekt "Poetik des Staunens in Mittelalter und Früher Neuzeit" stellt die Frage, inwiefern in der deutschen Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit der Affekt des Staunens (admiratio und stupor) als Instrument literarischer Selbstreflexion inszeniert ist. Dabei gilt die Aufmerksamkeit vor allem der zeitlichen, räumlichen und medialen Spezifik der poetologisch wirksamen Staunensprozesse und -momente. Auf dem Hintergrund der (lateinischen) theologisch-religiösen sowie philosophisch-wissenschaftlichen Staunens-Diskurse wird dabei die These aufgestellt, dass Staunen gerade durch seine in der Regel nicht klare diskursive Gebundenheit in der volkssprachlichen Literatur des Mittelalters zum Ort der Verhandlung von Werten und Wissensinhalten und darüber von Wahrnehmungsmustern wird. 

In der Beobachtung der in literarischen Texten inszenierten Staunensmomente und der durch literarische Texte evozierten Staunensreaktionen, richtet sich der Blick auf die Instrumentalisierung dieser semantischen Leerstellen als den Momenten, in denen die Problematik und Gefahr, aber auch die Potenz sprachlicher Weltreflexion und -darstellung als eines Raums der Möglichkeiten und des Spiels deutlich werden. 

Im Blick auf die frühneuzeitliche Erzählliteratur, in deren Horizont nicht nur verschiedene begriffliche und systematische Verschiebungen innerhalb der Wissensdiskurse zu beobachten sind, sondern im Kontext neu gewerteter curiositas und erfarung(experienz) auch Fragen der literarisierten und literarischen Darstellung von Weltwissen im Rahmen von Wahrheit (historia) und Lüge (fabula) reflektiert werden, zielt die Frage nach dem Staunen auf die Engführung von epistemologischer und poetologischer Thematik. 

Das Teilprojekt fokussiert Staunen in der volkssprachlichen Literatur unter epistemologischen und poetologischen Aspekten, wobei die These ist, dass sich die zwei Perspektiven im Blick auf das Staunen gerade nicht trennen lassen. Folgende Leitfragen werden verfolgt:

  • Staunen, Weltreflexion und Poiesis
  • Staunen und Selbstreflexion
  • Staunen, Artifizialität und Dichtkunst
  • Ästhetisches Staunen

Innerhalb des Gesamtprojekts kommt diesem Teilprojekt (in enger Zusammenarbeit mit TP 2.0) die Aufgabe zu, einerseits diskursive Vorgeschichten zu den neuzeitlichen wissenschaftlichen und ästhetischen Staunensdiskursen zu erarbeiten, anderseits durch die noch unfeste Begrifflichkeit in den vorliegenden Quellen eine Arbeit am Begriff fassbar zu machen und so die in Teilprojekt 3.0 und 4.0 untersuchten Poetiken des Staunens über diskursive Verschiebungen und Umwertungen in ihrer historischen Tradition zu verfolgen. Das von Selena Rhinisperger verfolgte Dissertationsprojekt fragt nach einer Staunenspoetik im höfischen Roman.