Sinergia-Projekt: Poetik und Ästhetik des Staunens

Eine Kooperation zwischen den Universitäten Basel und Zürich, gefördert durch den Schweizerischen Nationalfonds (SNF/FNS)

Staunen als ein Phänomen, das mit Verwirrung und Verunsicherung, aber auch Begehren und Genuss konnotiert werden kann, ist weder begrifflich noch phänomenologisch leicht zu fassen. Und doch bildet es seit der Antike den Kern verschiedener diskursiver Ordnungsmuster, von der antiken Philosophie, deren Anfang seit Aristoteles und Platon im Staunen gesetzt ist, über die Rhetorik und Poetik, die über Verfremdungs-, Überraschungs- und Steigerungseffekte Staunen bewirken will, bis zur christlichen Erkenntnislehre, die im Staunen vor der Schöpfung den Anfang der Gottessuche sieht, oder die konzentrierende Hinwendung zu Gott in eine graduelle Steigerung von Staunensmomenten fasst. 

Als Phänomen, das genuin mit Wissen und Wahrnehmung verbunden ist, indem es eine epistemische Grenze indiziert, die sich sowohl auf logisch-reflektiertes Wissen beziehen kann als auch auf Wahrnehmungs- und Erfahrungswissen, ist Staunen einerseits an Wissenstraditionen sowie Verfahren der Wissensgenerierung und -vermittlung geknüpft, andererseits mit projektierenden Prozessen der Vorstellung und Imagination, der Weltsetzung und -ordnung verbunden. Staunen konstituiert sich so als Schnittpunkt epistemischer, poetischer und ästhetischer Diskurse. 


Davon ausgehend soll im Rahmen dieses Sinergia-Projekts die Relevanz des Staunens für Poetik und Ästhetik sowohl in historischer wie systematischer Perspektive herausgearbeitet werden.  Eine Systematik von Frageperspektiven und theoretisch fokussierten Problemstellungen zielt auf die Erarbeitung grundlegender Beobachtungen bezüglich einer Poetik und Ästhetik des Staunens: 1. Transgression und Arretierung; 2. Artifizialität; 3. Visualität 

Die Teilprojekte fokussieren je für die Fragestellung entscheidende historische Felder: 

  • Die Anfänge einer sich in der Volkssprache konstituierenden Literatur im Mittelalter
  • Die Theoretisierung des Staunens in der Renaissancepoetik
  • Die Literatur der Frühen Neuzeit im Kontext sich verändernder Wissenskonstellationen
  • Die (deutsche) Literatur und Poetik des Neuen, Wunderbaren und Erhabenen im späten 17. bis frühen 19. Jh.
  • Die französische "poésie scientifique" des 19. Jh.s
  • Die enge Vernetzung von poetologischem und wissenschaftlichem Staunensdiskurs im 18./19. Jh.
  • Der Versuch einer Reinszenierung des Staunens in der Moderne

Das Sinergia verspricht mit seiner Forschung nicht nur einen entscheidenden Beitrag von Seiten der Literaturwissenschaft zu den in letzter Zeit aktuellen Debatten zu ästhetischen Emotionen und zum Verhältnis von Wissen und Literatur, sondern auch zu der Frage nach dem Selbstverständnis von Literatur in einer Wissensgesellschaft.

 

Projektleitung

 

Teilprojekte

 

Assoziierte Projektpartner