Micha Huff 

Wunderliche Verhältnisse. Einfaltung kleiner Prosaformen in den Roman um 1800.

Das von Micha Huff bearbeitete Dissertationsprojekt verfolgt die Frage nach einer Gattungspoetik des Staunens anhand der Einfaltung kleiner Prosaformen (z.B. Märchen, Novellen, Anekdoten) in deutschsprachige Romane der Aufklärung und der Romantik. Dieses kompositorische Verfahren wird als gattungspoetologisches Mittel des Romans aufgefasst, das im Laufe des Untersuchungszeitraumes sehr unterschiedliche Facetten von ›Staunen‹ als ästhetischem Affekt adressiert. Zugrunde gelegt wird ein relationales Strukturmodell der Text-Kontext-Beziehung zwischen der eingefalteten kleinen Form (Binnentext) und dem Roman als Ganzem (Globaltext). Die Kategorie des Zusammenhangs – so die Ausgangsthese der Arbeit – ist zugleich affektiv besetzt wie auch epistemologisch salient und kann vor dem Dispositiv einer ›Poetik und Ästhetik des Staunens‹ sowohl historisch als auch systematisch beschrieben werden.

Der erste Schritt dieser Arbeit besteht darin, den aristotelischen Begriff des thaumazein insbesondere im Hinblick auf die Tragödie zu rekonstruieren. Der tragische Umschlag (peripetiea), der im Zentrum der Tragödie steht, wird durch einen erstaunlichen Erwartungsbruch ermöglicht, dessen Re-Integration in die Handlungsfolge mit einem plötzlichen und lustvollen Perspektivwechsel (metabolé) verbunden ist. Dieser Effekt hängt vom Inhalt der Handlung zwar ab, ist aber nicht mit ihm kommensurabel – entscheidend sind Timing und Beziehung, entscheidend ist nicht das Was? sondern das Wie? Dieses Modell eines handlungskompositorisch erzeugten Staunens schlägt sich in der Poetik des Romans der Aufklärung nieder, dessen Legitimation im System der Künste (auch) durch eine Parallelisierung mit dem bürgerlichen Trauerspiel geleistet werden soll. Anhand von Ch. F. Gellerts Roman Leben der schwedischen Gräfin von G***, der zugleich als Beginn der spezifisch aufklärerischen Typik des Romans gilt, kann dies exemplarisch gezeigt werden.

Im Untersuchungszeitraum emanzipiert sich die Gattung Roman jedoch zusehends von den klassischen Genera, womit auch die Entwicklung spezifisch romanartiger Verfahren für die Erzeugung von Staunen einhergeht. Anhand den Romane Ch. M. Wielands lässt sich darlegen, dass der ästhetische Reiz der metabolé im Roman keineswegs auf das Strukturmodell der Peripetie angewiesen ist. Für Wieland wie für die folgenden Autoren gilt, dass das Desiderat eines durch ›Handlung‹ erzeugten ästhetischen Reizes erhalten bleibt. Auch bleibt das Modell dieser Erzeugung ein relationales; was sich ändert, sind die Mittel. An dieser für den Diskurs des Romans so bedeutenden Stelle positionieren sich auch die Poetiken Fr. v. Blanckenburgs und J. J. Engels.

Parallel zur Emanzipation und Aufwertung der Gattung Roman im Verlaufe des 18. Jahrhunderts rekonstruiert die Arbeit die Stellung des Staunens in den Poetiken und Ästhetiken der Aufklärung. Dieses Vorhaben macht eine sprachliche und historische Durchlässigkeit des Projekts auf die romanischen und englischen Traditionen erforderlich. So weisen etwa die Ästhetik A. G. Baumgartens wie auch die Poetik J. J. Breitingers jeweils eigentümliche Bezugnahmen zu R. Descartes‘ Affektenlehre auf, deren Beschreibung für das Projekt unverzichtbar ist. Dasselbe gilt für den in diesem Zusammenhang zentralen Begriff des ›Neuen‹, der durch Arbeiten D. Bouhours‘ und N. Boileaus vorbereitet wird; außerdem werden englische Quellen herangezogen werden, die Argumente der philosophischen Ästhetik um 1800 präformieren (Hobbes, Hume, Kames, Addison, Burke, etc.). Dasselbe gilt für die anthropologische Beschreibung des Staunens, die vom Begriff der ›Aufmerksamkeit‹ ausgeht (z.B. J. Reimarus).

Die für die Untersuchung leitende Annahme besteht darin, dass die Textpraxis der Einfaltung kleiner Prosaformen in den Roman auf die philosophisch-ästhetische Debatte des Staunens antwortet und aus ihr eine ästhetische Legitimität gewinnt, die – gleichsam prosaisch – unterhalb des philosophischen Registers des ›Schönen‹ angesiedelt ist. Zugleich stellt sie aber eine Möglichkeit dar, wie mit sprachlichen Zeichen ästhetische Effekte erzeugt werden können, und zwar unter dezidiertem Einbezug ihrer Semantizität.

Narratologisch lassen sich drei Perspektiven auf diesen Komplex unterscheiden. 1.) sind Ästhetiken des Staunens in Form des Enthusiasmus, des Wunderbaren und Wunderlichen, des Unheimlichen und Kuriosen Gegenstand der histoire. 2.) werden Effekte des Staunens aus Handlungen gewonnen, deren Relation zueinander diegetisch vermittelt wird. 3.) schlägt sich dieses Verhältnis von Handlungen als Verhältnis von unterscheidbaren Texten zu einander nieder. Die Situation der Narration wird durch explizite Gattungswechsel und Paratexte inszeniert. Diese Sichtbarmachung von Diegese und Narration entspricht einer an Bedeutung zunehmenden Rolle des Erzählers. Dies ist bereits für die Romane Wielands prägend, soll im Dissertationsprojekt aber insbesondere im Hinblick auf J. W. Goethe untersucht werden.

Besteht die Ambivalenz des Staunens in einer Verschränkung von Erkenntnisgewinn und lustvoller Reizsteigerung, so kann der Erzähler als Figur dieser Ambivalenz aufgefasst werden: Sei es durch analeptische, proleptische, allegorische oder auch disjunktive Relation – der Erzähler bietet durch das Erzählen einer ›Parallelgeschichte‹ immer die Möglichkeit einer neuen Einsicht auf den Roman insgesamt. Gleichzeitig inszeniert sich der Erzähler aber auch als Unterhalter, der etwas Neues nur um des Neuen Willen erzählt, Spektakuläres oder Unglaubliches in die Handlung einträgt oder den Gang der Romanhandlung gar störend unterbricht.

Selbst wenn dem Versprechen des Erzählers auf ›analogische‹ Erkenntnis oder ›Wechselerweis‹ gefolgt wird, so steht der epistemologische Gewinn derartiger Text-Kontext-Konstellation vor dem Problem einer immanenten Zirkularität: Wie soll ein Roman sich mittels eines Textes, der Teil seiner selbst ist, Aufklärung über die eigenen Inhalte verschaffen? Welche Art Aufklärung leisten die Wunderlichen Nachbarskinder über Die Wahlverwandtschaften, Klingsohrs Märchen über Heinrich von Ofterdingen, die Volkssage über Die Kronenwächter im strengen Sinne? Vermutlich, dass die zweiwertige Logik der Text-Kontext-Unterscheidung hier nicht durchgehalten werden kann, da das In-Beziehung-Setzen der Texte Komplexität erzeugt statt sie zu reduzieren. Denn die Aufklärung des Romans durch die eingefaltete Erzählung muss ja die durch ebendiese Bezugnahme veränderte Ausgangslage wieder mit einrechnen, sodass sie nie zu einem Ergebnis kommen kann. Es handelt sich dabei um die romantische Form der mise-en-abyme, einer immer erneuten Wiederholung der Übertragungsarbeit und »unendlichen Verdopplung« (W. Menninghaus).

Hatte Descartes nicht gerade davor gewarnt, dass, fehle eine begrifflich-ethische Beistimmung der Vernunft zum Objekt des Staunens, die admiration zum bloßen étonnement depraviere, zu einer zahllos wiederholbaren Reizung der Erkenntniskräfte werde, ohne sie aber zu stillen? Phänomenal ist das Andauern des Staunens, das Descartes so entschieden diffamiert, jedoch von durchaus positiv konnotierten Ausprägungen des Staunens, wie etwa dem Enthusiasmus, kaum zu unterscheiden. Versucht der Roman hier womöglich im Sinne einer ›unendlichen Progression‹ sich mit diesem poetologischen Effekt in eine Tradition der heiligen Entrückung einzuschreiben? In beiden Lesarten zeigt sich das Staunen als ein beschreibbarer ästhetischer Effekt und somit als Möglichkeit, die Prosa im Horizont des Ästhetischen zu verorten.